Romane

Julia Stagg - Chapeau! : Ein Dorf zeigt, was es kann

In Fogas, einem kleinen Dorf in den französischen Pyrenäen, stehen große Veränderungen an. Nachdem Bürgermeister Serge Papon einen Herzinfarkt erlegen ist, muss ein Nachfolger gefunden werden. Und der Bürgermeister des Nachbarorts wittert schon seine Chance. Kann Fogas noch gerettet werden? Nach „Monsieur Papon oder ein Dorf steht kopf“, „Madame Josette oder ein Dorf trumpft auf“, „Bonjour Véronique oder ein Dorf hält zusammen“ und „Mon Dieu, was für ein Fest“ legt Julia Stagg nun den Abschlussband ihrer Romanreihe vor. Wie die anderen Bände ist auch das Finale der Reihe nette Unterhaltungslektüre mit viel Lokalkolorit. Serge Papon, der eigentlich schon zu Beginn des Buches stirbt, mischt als Geist weiterhin mit. Auch dieser Teil kann gelesen werden, ohne die Vorgänger zu kennen, der Roman wird aber vor allem die Leser interessieren, die das Schicksal der Figuren schon in den früheren Bänden mitverfolgt haben.


Jess Jochimsen - Abschlussball

Der Kabarettist und Autor Jochimsen legt hier sein bislang wohl bestes Buch vor. Protagonist Marten ist ein Kauz. Schon als Kind hat er sich alt und randständig gefühlt. Jochimsen erzählt hier also quasi eine Burn-out-Situation von der Schulbank her, durchgängig nüchtern und mit feinem Sinn für Komik in der Tragik. Ein instabiles Elternhaus und Martens Antriebsschwäche katapultieren ihn in eine Ausbildung zum Assistenten an der Münchner Staatsbibliothek. Der Pfad bis zur Rente in der Katalogisierungsabteilung scheint vorgezeichnet. Aber Marten ist kein langweiliger Mensch. Er kann lediglich nichts anfangen mit den Parametern (Geld, Arbeit, ewige Jugend) der modernen Gesellschaft. Als er Philosophie und Literatur für sich entdeckt, gerät sein Leben außer Kontrolle und er verliert den Job. Auf dem Münchner Nordfriedhof findet er ein Auskommen als Beerdigungstrompeter, lernt mehr über Leben und Tod – und die Liebe. Ein faszinierender, tiefgründiger, dabei witziger Roman über einen modernen Außenseiter, der nicht so recht in die Welt passt.


Ilona Jerger - Und Marx stand still in Darwins Garten

Dr. Beckett, ein wacher Geist und angesehener Hausarzt im viktorianischen London um 1881, zählt 2 besondere Persönlichkeiten zu seinen Patienten. Zum einen Charles Darwin, den anerkannten Naturforscher, der in seinem Domizil in Down mit seiner geliebten Frau Emma seinen Forschungen nachgeht und – obwohl als Gottesmörder verpönt – Wohlstand und Ansehen genießt, zum anderen Karl Marx, der verarmte Jude, der im Exil mit seiner Haushälterin ein bescheidenes Dasein fristet und die Revolution ersehnt. Beide Männer kränkeln, beide polarisieren und beide sind sich nie begegnet, was Beckett zu gern arrangieren würde. Doch der Zufall kommt ihm zur Hilfe und bei einem Dinner, das in einem Eklat endet, treffen Marx und Darwin aufeinander. Ilona Jerger gibt in ihrem Debüt die Atmosphäre der Epoche des Aufbruchs und Wandels so authentisch und faszinierend wieder, dass man sofort in die Geschichte eintaucht. Einfühlsam und differenziert skizziert sie die Charaktere mit ihren Widersprüchen und Verletzlichkeiten.


Miika Nousiainen - Die Wurzel alles Guten

Ein großer Bestseller war das Debüt des finnischen TV-Journalisten und Drehbuchautors in Finnland und das zurecht. Mit einer leichten, unverstellten Sprache, in der zugleich viel Ironie, aber auch Melancholie mitschwingen, wird die Geschichte zweier Halbbrüder erzählt. Abwechselnd erhält einmal Pekka und dann wieder Esko das Wort. Pekka, dessen Zähne genauso miserabel aussehen, wie sein bisheriges Leben, sucht in letzter Instanz ärztliche Hilfe. Dabei gerät er an einen Zahnarzt, der, wie er findet, ihm sehr ähnlich sieht. Ohne Umschweife spricht Pekka ihn auf ein mögliches Verwandtschaftsverhältnis an, wovon Esko jedoch erst einmal nichts weiter wissen möchte. Eskos Leben besteht bis dato nur aus Zähnen und deren Instandhaltung bzw. Wiederherstellung. Da Pekka aber weitere ärztliche Behandlungen nötig hat, lernen sich die beiden unterschiedlichen Männer immer besser kennen und begeben sich schließlich gemeinsam auf die Suche nach ihrem Vater. Nicht ahnend, dass diese Suche zu einer Reise wird, die sie bis nach Australien führt und sie am Ende zu anderen Menschen macht.


Alexandra Fröhlich - Gestorben wird immer

Agnes ist unangefochtene Herrscherin über Familie und Firma. Aber die Matriarchin ist inzwischen 91 Jahre alt –  Zeit reinen Tisch zu machen und all die Geheimnisse zu lüften, die nicht nur sie, sondern die ganze Familie belasten. Mithilfe ihrer Enkel zwingt sie den zerstrittenen Clan zu einer Zusammenkunft. 70 Jahre Familiengeschichte sind aufs engste verknüpft mit den Zeitgeschehnissen: NS-Verbrechen und Judenverfolgung, Krieg, Flucht, Neuanfang und Gewalt in der Familie werden in Rückblenden aus Sicht von Agnes, Tochter Martha und Enkelin Birte erzählt. Die Schatten der Vergangenheit bewältigt Agnes auf ihre Weise und auch die ist mitunter gewaltätig. Die Hauptfigur hat gewisse Ähnlichkeiten mit der russischen Schwiegermutter aus dem gleichnamigen Erfolgsroman der Autorin. Der Roman liest sich flott weg, er bietet einen prallen Bilderbogen mit versöhnlichem Ende und endet da, wo er beginnt, im Samland.